Trumps Abgang: Shakespeare statt Hollywood

Nach der verlorenen Wahl führt der scheidende Präsident das Drama zu Ende

Der Präsident, der vier Jahre lang darum gekämpft hat, als großer Staatsmann anerkannt zu werden und der als einer der größten Präsidenten der USA in Erinnerung bleiben wollte, steht nun einem der deprimierendsten Abschiede aus dem Weißen Haus in der modernen Geschichte des Landes vor. Nicht durch die Schuld der Sterne ist es so gekommen, die Fehler des Protagonisten dieses amerikanischen Dramas haben vollkommen genügt.

Ein skrupelloser Plan hinter den Vorwürfen des Wahlbetrugs

Dabei darf sogar bezweifelt werden, dass das Auslösen von Gewalt im Kapitol am 6. Januar in Trumps bewusster Absicht lag. Die Strategie des engsten Trump-Teams im Vorfeld der Unruhen im Kapitol zielte wohl vielmehr darauf ab, so viel Verwirrung und Zweifel über die Wahlergebnisse zu erzeugen, dass die Republikaner im Kongress die Zertifizierung des Wahlmännergremiums ablehnen würden. Dies hätte den Parlamenten der einzelnen Bundesstaaten die Möglichkeit eröffnet, die Wahlmänner des jeweiligen Bundesstaates selbst zu bestimmen. Hätten dann mehrere Bundesstaaten mit republikanischen Parlamentsmehrheiten, in denen aber Joe Biden die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten hatte, den Wählerwillen unter Verweis auf möglichen Wahlbetrug ignoriert und Trump-freundliche Wahlmänner entsandt, so hätte das Gesamtergebnis der Wahlmännerstimmen zumindest theoretisch noch zugunsten Trumps gedreht werden können. Ein für CNN tätiger Analyst hatte diese mögliche Entwicklung bereits im September angedeutet, während die New York Times sie nur einen Tag vor der entscheidenden Abstimmung und damit auch nur einen Tag vor dem Sturm auf das Kapitol erneut diskutierte.

Den in nächster Nähe des Kapitols geplanten Protests hätte Trump gerne genutzt, um von außen Druck auf die Senatoren auszuüben, die Wahlmännerstimmen nicht zu zertifizieren. Dies hätte Trump dann zumindest in der Vorstellung auf den letzten Millimetern vor der Niederlage doch noch den Sieg ermöglicht — genauso wie der amerikanische Film seine Helden gerne unüberwindbar scheinende Herausforderungen und Hindernisse gegen alle Erwartungen bewältigen lässt.

2020 — das Jahr der schlechten Omen für Trump

Doch es kam anders. Fast das gesamte Jahr 2020 deutete Trumps Niedergang bereits mit allerlei schlechten Omen an. Konnte der Präsident zu Beginn noch den Freispruch im Amtsenthebungsverfahren und wirtschaftliche Rekordleistungen feiern, so zwang ihn die Corona-Pandemie in eine Rolle, für die er denkbar ungeeignet war. So quälend, wie sich die Pandemie über das Wahljahr 2020 hinzog, so unerbittlich verleitete sie Trump dazu, sich als der falsche Präsident zur falschen Zeit darzustellen. Seine Hoffnung auf das Wundermittel Hydroxychloroquin wurden enttäuscht. Zwar hat er nicht dazu geraten, Bleichmittel zu injizieren, jedoch nahmen seine Streitereien mit der Presse den größeren Raum im Vergleich zur Kommunikation der Gesundheitsrisiken ein. Auch wenn nicht erwiesen ist, dass Trump sich seine COVID-19-Erkrankung durch eigene Unvorsichtigkeit zugezogen hat, so passte die Erkrankung dennoch exakt zum in der Öffentlichkeit entstandenen Eindruck, der Präsident nehme die Pandemie nicht ernst genug. Die Pandemie erzeugte politisch schlechte Bilder am laufenden Band.

Im gesamten Jahr 2020 wurden Trump und seinem politischen Erbe letztlich genau diejenigen Charakterzüge und Verhaltensweisen zum Verhängnis, die seine Gegner, aber auch ihm nicht grundsätzlich feindlich gesinnte Kommentatoren ihm immer nachgesagt hatten: Zu wenig Größe und zu schlechte Manieren, um eine Niederlage anzuerkennen, zu laxer Umgang mit den Fakten, zu riskantes Spiel mit den Extremisten und zu wenig Respekt vor den demokratischen Institutionen.

Die tragische Ironie im Fall des Präsidenten

Die tragische Ironie, an der ein englischer Dichter seine Freude gehabt hätte, besteht darin, dass es dieselben Eigenschaften und auch Talente Trumps waren, die seinen politischen Aufstieg und Erfolg überhaupt erst ermöglicht hatten, die später seinen politischen Absturz besiegeln sollten. Ein einzelner Twitter-Account genügte ihm, um für Millionen Wähler ganze Narrative über Amerika und seine Politik an den traditionellen Medien vorbei zu kommunizieren. Seine dichtgedrängten „Rallies“, die er in Wahlkampfzeiten in rekordverdächtiger Taktung abhielt, boten ihm die Gelegenheit, neue Stimmungsmacher in der unmittelbaren Interaktion mit tausenden seiner begeisterten Anhänger zu testen und zu verfeinern.

Am 6. Januar hatte Trump dann im Rahmen seiner „Save America“-Rally auch nicht etwa zu wenige, sondern zu viele seiner fanatischsten Anhänger davon überzeugt, dass die Wahl gerade im Begriff sei, im Kapitol gestohlen zu werden, was sie nicht zulassen könnten. Die „alternativen Fakten“ zum Wahlausgang, die Trump seit Wochen immer wieder seinen Anhängern präsentiert hatte, verselbstständigten sich plötzlich. Die Scheinrealität der gefälschten, aber noch zu rettenden Wahl, die Trump bewusst aufgebaut hatte, mündete in einer unzweideutigen Realität der Gewalt. Was seine Überzeugungstalente anbelangt, ist Trump somit nicht etwa seinem nachlassenden Erfolg zum Opfer gefallen, sondern vielmehr ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden.

Zwar hatte Trump in seiner Rede neben allerlei kämpferischem Vokabular auch explizit zu einem friedlichen Protest aufgerufen. Verantwortung für die kriegerischen Fantasien seiner Anhänger trägt er trotzdem. Zudem ist allein schon der Versuch, das Ergebnis einer legitimen Wahl durch Druck von der Straße zu verändern, ein schwerwiegender Verstoß gegen demokratische Normen, selbst wenn die Proteste friedlich geblieben wären.

Trumps Verbündete bleiben nicht ungeschoren

Ein dementsprechendes Schicksal sollte auch einige seiner Unterstützer in der Republikanischen Partei ereilen. Besonders der Senator Ted Cruz, der in der Vergangenheit bereits die Position eines hohen Justizbeamten in Texas innegehabt hatte, dürfte geahnt haben, dass es keine realistische Chance gab, die Bestätigung der Wahlmännerstimmen zu verhindern. Das dürfte Cruz aber nicht sonderlich gestört haben, da er sich seit seiner demütigenden Niederlage gegen Trump im Vorwahlkampf 2016 zu einem engen Verbündeten und Unterstützer Trumps gemausert hatte. Als solcher wird er sich gewiss Chancen ausgerechnet haben, das Erbe von Trumps Wählerschaft mit Blick auf die Nominierung im Jahr 2024 antreten zu können. Trump in seiner vermeintlich harmlosen, aber die Gemüter der Trump-Anhänger bewegenden Anfechtung des Wahlergebnisses zu unterstützen mag für Cruz daher eine vielversprechende politische Kalkulation gewesen haben. Nachdem sich nun aber gezeigt hat, dass das Säen von Misstrauen gegenüber dem Wahlergebnis keinesfalls eine harmlose Idee gewesen ist, bezieht Cruz eine für die Skrupellosigkeit seines Manövers angemessene politische Prügel.

Trumps Präsidentschaft, die ihre Legitimation zum Teil aus dem Versprechen bezog, Elemente der vorherrschenden politischen Kultur einzureißen, wird nun selbst im Eiltempo niedergerissen. Seine Feinde könnten zufrieden sein, denn die tödlichen Ausschreitungen im Kapitol haben ihren Glauben, dass es sich bei Trump vom ersten Tag an um einen quasi-faschistischen Diktator handelte, für sie rückwirkend bestätigt. Der Anlass, ihnen zu widersprechen, ist mit Trumps Abgang im Wesentlichen entfallen.

Ein Abschied nach Trumps Vorstellungen

Trump wird sich also nicht mit einer versöhnlichen Geste aus dem politischen Washington verabschieden. Weder wird er Nachfolger Joe Biden am Weißen Haus willkommen heißen, noch wird er von Biden vor dem Abflug in den präsidentiellen Ruhestand verabschiedet werden. Schon gar nicht wird Trump sich während Bidens Vereidigung genügsam und gesittet in den dekorativen Hintergrund zwischen den anderen ehemaligen Präsidenten einreihen. Vorstellen konnte man es sich ohnehin nicht so recht.

Economist. Reader. Writer. Hiker.